Berlin, 23. April 2019 +++ Zehnjährige Bundesanleihe rutscht erstmals seit 2016 ins Minus +++ Inflation im Euroraum sinkt +++ Brexit sorgt weiter für Unsicherheit +++ Italien droht eine Rezession +++ EZB-Sitzung: Währungshüter bleiben auf Niedrigzinskurs +++ Baufinanzierungszinsen erreichen erneuten Tiefstand +++ Bestzins für zehnjährige Hypothekendarlehen: 0,79 Prozent

Aktuelle EZB-Sitzung: Auf der Suche nach der verlorenen Inflation

Aktuelle Wirtschaftslage: Es wird ungemütlich in Europa

Seit Monaten jagt eine negative Wirtschaftsmeldung die nächste: Die Konjunktur kühlt weltweit ab, europäische Inflationsraten sinken wieder, deutsche Exporte brechen ein. Ab Donnerstag tagen in Washington der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank. Bereits im Vorfeld teilte IWF-Chefin Christine Lagarde mit, dass sich die Weltwirtschaft in einer heiklen Lage befände und warnte vor verschlechterten Wachstumsbedingungen.

Angesichts der zahlreichen schlechten Nachrichten, stellen sich aktuell nicht nur Finanzexperten die Frage: Wie schlimm wird es eigentlich? Die Antwort des Zinsexperten Michael Neumann: „Klar ist, dass es um das Wirtschaftswachstum – zumindest vorübergehend – nicht gut bestellt ist. Aber: Die Prognosen für 2020 sehen bei weitem nicht so düster aus.“ Zwar sind langfristige Tendenzen deutlich unsicherer als kurz- und mittelfristige Vorhersagen, doch viele der aktuellen Unsicherheitsfaktoren, wie etwa der Handelsstreit oder der Brexit, könnten sich bis zum kommenden Jahr aufgelöst haben. Bis es soweit ist, könnte es allerdings noch einmal ungemütlich werden auf den Finanzmärkten. Vor allem ein ungeregelter Brexit würde die europäische Wirtschaft massiv belasten.

EZB-Sitzung: Draghi warnt vor Risiken und will die Entlastung von Banken prüfen

Der EZB-Rat passte bereits auf seiner März-Sitzung den geldpolitischen Ausblick an und entschied, dass der Leitzins bis mindestens 2020 bei 0 Prozent bleibt. An diesem Ausblick wurde auch in der aktuellen Sitzung nichts geändert. Michael Neumann geht davon aus, dass die Normalisierung der Geldpolitik sogar noch länger auf sich warten lassen wird. Er rechnet nicht mit einem Zinsschritt vor Mitte 2020. „Aufgrund der zahlreichen Unsicherheitsfaktoren sind kurz- und mittelfristig keine nachhaltigen positiven Impulse für die Wirtschaft zu erwarten. Auch die Kerninflation im Euroraum ist im März wieder auf 1 Prozent gesunken und hat sich damit deutlich von der 2-Prozent-Zielmarke der EZB entfernt. Hinzu kommt, dass das vermutlich anhaltende Brexit-Chaos das Wirtschaftswachstum sogar noch weiter ausbremsen könnte“, so die Einschätzung Neumanns. Ein Ende der niedrigen Zinsen ist damit vorerst nicht in Sicht.

Problematisch ist das nicht nur für private Anleger, sondern auch für Banken. Der Einlagezins liegt seit 2014 bei -0,4 Prozent: Europäische Banken zahlen also einen Strafzins, wenn sie überschüssige Gelder bei der EZB parken. Auf der aktuellen Sitzung kündigte Draghi an, dass sich der EZB-Rat die Nebenwirkungen des Strafzinses näher ansehen und mögliche Entlastungen prüfen wird.

Sorgenkind Italien: Dem verschuldeten Staat droht eine Rezession

Über das Brexit-Chaos sind die Probleme Italiens in der öffentlichen Debatte in den Hintergrund gerückt – und das obwohl sich die wirtschaftliche Lage zwischenzeitlich weiter verschärft hat: Die Arbeitslosigkeit ist gestiegen, Binnennachfrage und Export schwächeln, die OECD prognostiziert für 2019 sogar ein Rezessionsjahr. Hinzu kommt die erhebliche Staatsverschuldung von mehr als 130 Prozent des BIP und die gleichzeitig steigenden Staatsausgaben der rechtspopulistischen Regierung. Das mit der EU mühsam verhandelte Defizitziel wird Italien mit hoher Wahrscheinlichkeit deutlich verfehlen. Trotz der negativen Wirtschaftsdaten sieht Michael Neumann aktuell keine Gefahr einer Schuldenkrise: „Die EZB wird die Zinsen niedrig halten, so dass sich Italien weiterhin extrem günstig refinanzieren kann. Falls sich die wirtschaftliche Situation deutlich verschlechtert, könnten die europäischen Währungshüter Italien zur Not auch durch weitere Ankäufe italienischer Anleihen unterstützen.“

Der Nachfolge-Poker geht weiter: Weidmanns Chancen auf EZB-Präsidentschaft steigen wieder

In einem halben Jahr endet die EZB-Präsidentschaft von Mario Draghi. Wer seine Nachfolge antritt, ist zwar noch völlig unklar. Aktuell deutet allerdings einiges darauf hin, dass die Chancen von Bundesbank-Chef Jens Weidmann wieder steigen. Auch das Amt des EU-Kommissionspräsidenten wird in diesem Jahr neu besetzt. Für diese Position brachte Emmanuel Macron jüngst Michel Barnier, den Chefunterhändler der EU für den Brexit und Christine Lagarde ins Gespräch. Beide sind deutlich profilierter als der deutsche Kandidat Manfred Weber. „Falls es zu einem französischen Kommissionspräsidenten kommt, könnte das im Gegenzug bedeuten, dass Frankreich nicht nur keinen Anspruch auf die Draghi-Nachfolge erhebt, sondern quasi als Gegenleistung für Webers ‚Verzicht‘ vermutlich einen deutschen Kandidaten für die EZB-Präsidentschaft unterstützen würde“, so die Vermutung Neumanns. Selbst die Kritik der südeuropäischen Staaten am geldpolitischen „Falken“ Weidmann weicht langsam auf.

Es geht weiter bergab: Bauzinsen erreichen neuen Tiefstand

Auch Anleger sind aktuell verunsichert und fürchten einen Wirtschaftsabschwung. Die Folge: In den letzten Wochen investieren sie zunehmend in die als sicher geltende zehnjährige Bundesanleihe. Die Rendite der Anleihe fiel im März zeitweise in den negativen Bereich. Das bedeutet umgangssprachlich formuliert: Die Anleger zahlen dafür, dem deutschen Staat Geld leihen zu dürfen.

Auch der Bestzins 10-jähriger Hypothekendarlehen bewegt sich weiter bergab: Mit 0,79 Prozent wurde Ende März ein erneuter Tiefststand erreicht. Und: Es könnte noch weiter bergab gehen. „Solange die politische Unsicherheit anhält, wird es weder bei der Rendite der Bundesanleihe noch bei den Bauzinsen nachhaltig bergauf gehen. Im Gegenteil: Mit jeder negativen Wirtschaftsmeldung, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Zinsen noch weiter gedrückt werden“, so die Prognose Michael Neumanns.